

5. Nov. 2007
Mein Gang durch Lindau erinnerte mich an das Bild der „Tanzenden Mädchen“ von Matisse, alle Häuser fassen sich bei der Hand und führen einen Reigen auf. Meine neuen Bauten sollten auch die, die schon dort stehen, bei den Händen fassen und ich wollte Raum lassen, den sie umtanzen, denn der Raum zwischen den Bauten ist genauso wichtig, wie die Bauten selbst. Wenn Sie ein Haiku1) lesen, wie zum Beispiel von Basho:
„Im Duft der Pflaumenblüten plötzlicher Sonnenaufgang – Ah, der Bergpfad“
dann wird deutlich, dass im Raum zwischen den Worten die Bilder entstehen, genauer gesagt, zwischen Wort – Auge – Hirn und nächstem Wort. Man kann sagen, dass die Räume dazwischen von gleicher Bedeutung sind wie die Worte.
Der Ersatz der Schule (Haus 2) bringt uns die Chance, sozusagen einen neuen Mittänzer so zu positionieren, dass er zu jedem Raum hin, zur Kalkhütte, zum Schulhof, zum Barfüßerplatz wie auch zum Theaterhof, ausbalanciert ist.
Haus 2 bringen wir unter ein Dach, mit der eindeutigen Eingangssituation zur Kalkhütte, der Theaternutzung und der Villa Kalkhütte.
Wir wählen die Form des Winkels, um dem Innenhof eine klare Gestalt zu geben, was bei zwei Häusern, die aneinander stoßen, nicht so der Fall wäre. Uns ist wichtig, eine Skulptur zu erhalten, die autonom ist, autonom wie die Villa, die Schule, die Kirche (Theater): Uns ist ebenso wichtig, diese Skulptur zu begrünen über Dachgärten, wie es üblich ist in Lindau.
Zur Kalkhütte hin legen wir die Traufseite mit herausragenden Kämmen, ähnlich der nahen Fischergasse. Zum Pausenhof hin gibt es einen Giebel mit gestapelten Lauben, ein Bild, dass den Laubengängen innenliegender Höfe entspricht, ähnlich dem Museumshof in Lindau oder anderen alpenländischen Städten (Regensburg oder Linz). Jeder Laubenbogen hat seine eigene Form in leichter Abwandlung. Im Grunde ein malerisches Motiv, was als helles neues Gebilde weit über den See hin wirkt.
Die Stapelung der Lauben ist das reelle Bild der Wohnnutzung. Von Innen gleicht der Bogen dem Sichtfeld, begrenzt von Horizont und Himmel, nicht also die Einschränkung eines „Diarahmens“ wie beim Fensterquadrat. Die Architektur zeigt, was sie will, nicht was sie scheint.
Die Giebelständigkeit zum Pausenhof war uns wichtig, um dem Dach der Barfüßerkirche die Dominanz zu lassen, wie ja im scheinbaren Chaos alter Städte die Kirchen immer die gleiche Richtung haben, nach Osten, und so eine Art Ordnung in das Stadtbild bringen. Der neue Giebel bildet mit der Schule und der Villa einen Dreiklang.
Die Villa ist in der Form dominant, in der Aussage aber unpräzise. Sie ist als Schule geplant mit dem Kleid eines Wohnhauses, das führt stellenweise zu Konflikten. Lange Untersuchungsreihen haben uns erkennen lassen, dass man sie nicht aus sich heraus erweitern kann, sondern lediglich etwas hinzustellen, über eine Fuge verbunden von leichter Erscheinung. Wir möchten der Villa eine Farbe geben, die sie schlanker macht.
Eigentlich möchten wir, dass das Neue genauso selbstverständlich ist wie das Vorhandene. Dies zu erreichen bedarf großer Mühe sowie des Beibehaltens einer klaren Linie.
1) Traditionelle japanische Gedichtform